Ganz oben auf der Liste stand Melkart, der Hauptgott des phönizischen Stadtstaats Tyros und Gemahl der Göttin Astarte. Zusammen bildeten sie eine duale Gottheit, die wie ein Tandem funktionierte. Wobei jeder von ihnen seine eigenen Schutzfunktionen hatte. Doch im gleichen Maß, wie sich die gesellschaftlichen Bedürfnisse im Laufe der Jahrhunderte wandelten, änderten sich auch deren Schutzaufgaben. Wortwörtlich übersetzt bedeutet Melkart „Gott der Stadt“ und seine primäre Funktion bestand darin, das Allgemeingut zu schützen. Allerdings wurde diese in den unterschiedlichen Phasen der Geschichte wohl unterschiedlich betrachtet. Als Tyros beispielsweise im dritten Jahrtausend vor Christus (vor über 4.000 Jahren) eine aufblühende Küstenstadt war, die auf einem schmalen Stück Land ihr Überleben sichern musste, wurde Melkart als landwirtschaftliche Gottheit wahrgenommen. Er schützte die Ernte und wachte über den sich permanent verändernden Zyklus des Lebens, von der Geburt über den Tod bis hin zur Wiedergeburt. Melkart wurde mit Winterweizen und Gerste in Verbindung gebracht, die als Hauptnahrungsmittel das Überleben der Bevölkerung sicherten. Als sich Tyros aber in eine kultivierte und wohlhabende Stadt entwickelte, die ein weit verbreitetes Handelsnetz aufgebaut hatte, verlagerte sich sein Aufgabengebiet vom Land auf das Meer. Seine Bereiche wechselten von der Landwirtschaft auf die Seefahrt und den Handel. So wird ihm beispielsweise die Entdeckung der Purpurgewinnung aus der seltenen Murex-Schnecke zugeschrieben, einem Färbemittel, das für Textilien genutzt wurde und ein einzigartiger Exportschlager der Stadt Tyros war.
Ein weiterer wichtiger phönizischer Gott, dessen Kult auch auf Ibiza blühte, war Eshmun, der Gott der Heilung. Für Sidon, einen anderen phönizischen Stadtstaat, war Eshmun das, was Melkart für Tyros war: der Hauptgott der Stadt. Die Griechen stellten ihn mit Asclepius, dem Sohn Apollos, gleich. Beide waren Götter der Heilung. Zwar gibt es auf Ibiza keine archäologischen Beweise für seine Anbetung, doch weisen zwei indirekte Indizien auf seine starke Präsenz hin: Der erste Hinweis auf seine Verbreitung im punischen Ibiza ist der Zuname Abd’eshmun, was soviel wie „Diener des Eshmun“ bedeutet. In der antiken Welt war es recht gebräuchlich, Theonyme oder Beinamen von Götternamen abzuleiten. Wenn eine siegreiche Kultur eine geschlagene verdrängte, änderte die lokale Bevölkerung oft ihren Nachnamen, um mit der regierenden Klasse konform zu gehen. Das beispielsweise passierte, nachdem Rom Karthago besiegt hatte. In dieser Epoche war der Beiname Apollonius weit verbreitet, der von Eshmuns Homolog, Apollo, abgeleitet wurde. Epigraphen interpretieren dies als generelle Latinisierung des punischen Beinamens Abd’eshmun, der geändert wurde, um die römischen Bürokraten wohlgesonnen zu stimmen. Ein zweiter Beleg für den Eshmun-Kult auf Ibiza wurde in Murcia entdeckt, wo die lateinische Inschrift „sacerdos Asculepi Ebusitan“ gefunden wurde. Dies bedeutet: „Ibizenkischer Priester des Asclepius”, was als Referenz zu Eshmuns Heilungsaufgaben betrachtet wird, die ihm auf Ibiza zugeschrieben wurden. Interessanterweise stellten die Römer Eshmun mit Merkur gleich, dessen Symbol der Hermesstab war, der zwei ineinander verschlungene Schlangen zeigt. In der phönizischen Form wurde Eshmun allerdings nur durch eine Schlange dargestellt. Heute das Symbol des medizinischen Stands.
Unser nächster Gott ist Bes, Ibizas Namensgeber. Diese lebenslustige Gottheit war ein Party-Tier, dem zwei Haupt-Charakteristika zugeschrieben wurden: Seine Fähigkeit, Schlangen und andere giftige Tiere von der Insel zu verbannen und seine Liebe zum Tanz. Die Phönizier übernahmen ihn von den Ägyptern, und er wurde eher als Zweitgott und wohltätiger Geist betrachtet. Der Epigraph Solà Solé stellte die Theorie auf, dass die ersten phönizischen Siedler auf der Insel wohl davon beeindruckt waren, dass es keine giftigen Tiere auf der Insel gab. Diese faszinierende Tatsache scheinen sie dem göttlichen Schutz des Bes zugeschrieben zu haben, woraufhin sie die Insel nach ihm benannten. Nahezu auf allen frühen ibizenkischen Münzen wurde Bes verewigt: schmerbäuchig, o-beinig und mit einer sich windenden Schlange in der Hand. Diese bildliche Darstellung basiert auf der Tatsache, dass Bes ursprünglich aus Schwarzafrika kam, wo die Pygmäen, deren Morphologie Bes kopiert, berühmt für ihren „Gottestanz“ waren. Demzufolge wird Bes auch mit Gesang, Tanz und ausgelassen Festlichkeiten in Verbindung gebracht.
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