Für die Bevölkerung, die isoliert auf dem Land lebte, waren sie ein wichtiger sozialer Treffpunkt. Sie waren geschätzte Symbole des Lebens, der Fruchtbarkeit und der Erneuerung. Dort bedankten sich die Menschen bei der Göttin Tanit, die seit der phönizischen Epoche vor über 2.500 Jahren auf Ibiza verehrt wurde. An einigen der ältesten Brunnen finden sich faszinierende Spuren dieser Götteranbetung in Form von Motiven und Symbolen, die mit tiefroten Pigmenten auf Steine oder Mauerwerk gemalt wurden und die dem markanten ockerfarbenen Farbton der Inselerde gleichen. Einer dieser Brunnen ist Font d’en Miquelet, der sich an der alten Straße zwischen Sant Mateu und Santa Gertrudis befindet. Auf einer Steintafel im Inneren der Brunnenkammer sind Reste eines feingezeichneten Lebensbaums zu erkennen, ein archetypisches Symbol, das die Welt der Natur mit dem heiligen, mythologischen Kosmos verbindet. Am Brunnen Font de Can Prats in der Nähe von Atzaró führen Treppenstufen hinab in einen engen unterirdischen Tunnel. Oberhalb der Quelle ist ein verblichener Kreis mit nach außen verlaufenden Strahlen zu erkennen. Es heißt, dass die Sonnenstrahlen am Tag der Wintersonnenwende direkt in den Tunnel fallen und sich perfekt mit dem Bild im Inneren verbinden. Dies symbolisiert die heilige Union zwischen dem Maskulinen und Femininen.
Die Millionen von Urlaubern, die Ibiza jedes Jahr besuchen, interessieren sich kaum für dieses uralte Brauchtum. Seitdem der Massentourismus Ende der 1960er Jahre auf der Insel eingezogen ist, werden die begrenzten Wasserressourcen dafür verwendet, den riesigen Wasserbedarf zu decken, der durch diesen saisonalen Anstieg der Bevölkerung entsteht. Die meisten Urlauber kommen, um Sonne und Strände zu genießen oder um Partys zu feiern. All das hat kaum etwas mit den ökologischen und ländlichen Traditionen im Inselinneren zu tun. Der Massentourismus hat an vielen Plätzen der Welt für Umweltschäden und kulturelle Veränderungen gesorgt. Auch auf Ibiza ist das so, hier zeigen sich die Symptome der Überausbeutung an Brunnen und Quellen, die einst als die „Seele“ der Insel betrachtet und entsprechend verehrt wurden.
In den vergangenen 50 Jahren haben die Insulaner eine florierende Industrie aufgebaut, die einem Großteil der Bevölkerung neue Möglichkeiten eröffnet und Wohlstand gebracht hat. Die Kultur des modernen Ibizas ist jedoch durch den starken Tourismuseinfluss und die vielen ausländischen Besucher zersplittert. Der Großteil dieser Besucher und die Massentourismusindustrie wissen wenig über die Geschichte der Insel, ihre Traditionen, Folklore und das uralte Brauchtum. Es ist Sache der Regierung, Unternehmen zu kontrollieren, die ökologische Schäden anrichten. Auch sollte man das internationale Image der Insel verändern und Urlaubern die interessante und authentische Kultur der Insel näherbringen. Wenn sich die Grundeinstellung verändert, besteht die Chance, einen neuen, ausgeglichenen, respektvolleren und nachhaltigeren Tourismus zu entwickeln.
Bis es soweit ist, kann jeder von uns damit beginnen, selbst einen positiven Beitrag zu leisten. Viele von uns haben sich von der vielseitigen und exotischen spirituellen Freiheit Ibizas angezogen gefühlt, aber womöglich ist es an der Zeit, ein spirituelles Brauchtum zu erforschen, das untrennbar mit der Erde verbunden ist, auf der wir leben. Mit all ihren Mythen, Traditionen und Ritualen, denen sich die Insulaner seit tausenden von Jahren verbunden fühlten. Einer dieser Bräuche wird immer noch aktiv praktiziert. Man kann ihn an Sommerabenden in der Nähe vieler dieser alten Brunnen erleben. Dort werden Feste mit Folkloretänzen zelebriert, um den Brunnen Dank zu sagen für die Ernte, die sie ermöglichen. Bei diesen stimmungsvollen und fröhlichen Zusammenkünften fließt der Landwein in Strömen, denn an diesen Tagen huldigen mehrere Generationen gemeinsam einer Tradition, die auf der „Partyinsel“ Ibiza seit über zweitausend Jahren existiert: Sie ehren die kostbaren, lebensspendenden Eigenschaften des Wassers. Wenn wir Ibizas mysteriöse und uralte Kultur respektieren und pflegen, werden die Brunnen der Insel vielleicht eines Tages wieder überquellen vor lebensspendendem Wasser.
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