AUSGABE: Dezember 2020 - Februar 2021

Die Ursprünge von Weihnachten

Von Jerry Brownstein
Wir alle lieben diese wunderbaren Dezembertage, an denen die Welt von guter Laune und fröhlicher „Weihnachtsstimmung“ erfüllt ist. Es ist natürlich eine Zeit der christlichen Feierlichkeiten, mit denen die Geburt Jesu zelebriert wird, aber Weihnachten ist auch ein weltweites kulturelles und kommerzielles Phänomen, das weit über die Religion hinausgeht. Die Menschen feiern gemeinsam mit Familie und Freunden, tauschen Geschenke aus, schmücken Bäume, singen Weihnachtslieder und fühlen sich allgemein in gehobener Stimmung. Aber woher kommen diese Bräuche, aus welcher Zeit stammen sie – und wieso wurde der 25. Dezember in unserem Leben so wichtig?  

Das Christentum begann nach dem Tod Jesu (etwa 32 n. Chr.), als seine Jünger seine Lehren mit anderen jüdischen Menschen in Judäa (dem heutigen Israel) teilten. Im Laufe der nächsten 100 Jahre verbreitete sich diese neue Religion im gesamten Römischen Reich. In den frühen Jahren des Christentums war Ostern der wichtigste religiöse Feiertag, die Geburt Jesu wurde damals noch nicht gefeiert. Erst 300 Jahre nach dem Tod Jesu beschlossen die Kirchenoberen, dass auch sein Geburtstag zelebriert werden sollte. Das Problem war, dass niemand wusste, an welchem Tag er geboren wurde, geschweige denn um welche Jahreszeit es sich handelte. Die Bibel sagt nichts darüber aus, und im alten Judäa, wo Jesus herkam, gab es keine Geburtsurkunden. Also musste die Kirche ein Datum erfinden. Sie beschloss, dass das erste Weihnachtsfest am 25. Dezember im Jahr 336 gefeiert werden sollte. Dies war während der Herrschaft von Kaiser Konstantin, der das Christentum zur offiziellen Religion des Römischen Reiches gemacht hatte. Aber warum wurde dieses Datum gewählt?


„Warum wurde der  25. Dezember gewählt,
um Weihnachten zu feiern?”


Die meisten Historiker und Religionswissenschaftler glauben, dass der Kaiser dieses Datum wählte, um die etablierten heidnischen Feste übernehmen und absorbieren zu können – sowohl in Rom als auch in den eroberten Gebieten. Die Tatsache, dass Weihnachten zur gleichen Zeit wie die traditionellen Feste zur Wintersonnenwende gefeiert wurde, erhöhte die Chancen, dass das Volk das Christentum annehmen würde. Ein wichtiges römisches Fest am 25. Dezember war das „dies solis invicti nati“ – der Tag der Geburt von Mithra, dem Gott der unbesiegbaren Sonne. Damit wurde die „Wiedergeburt“ der Sonne begrüßt, da die Tage immer länger wurden. Für viele Römer war dies der heiligste Tag des Jahres. Auch war es die Zeit des Saturnalien-Festes – ein Feiertag zu Ehren des römischen Gottes der Landwirtschaft.



Darüber hinaus gab es viele heidnische Gesellschaften, die Teil des Römischen Reiches geworden waren, und die der Kaiser zum Christentum bekehren wollte. In all diesen Zivilisationen gab es um den 25. Dezember herum traditionelle Feste, bei denen die längeren Tage und die Zunahme an Sonnenstunden gefeiert wurden. Daher war es für Rom und die Kirche sehr praktisch, den Tag der Geburt Jesu mit dem Datum dieser bereits bestehenden Feiertage zu verschmelzen. Ursprünglich wurde Weihnachten wie die heidnischen Feiertage zelebriert, die es zuvor gegeben hatte, mit Festen und einer karnevalsähnlichen Atmosphäre. Die Weihnachtsbräuche, die wir heute kennen, haben sich über Jahrhunderte entwickelt.  



Die Gewohnheit, Geschenke auszutauschen, begann im 15. Jahrhundert und war in der Epoche um 1700 bereits gut etabliert. In den meisten europäischen Ländern werden die Geschenke am Heiligabend übergeben, weil man sich vorstellte, dass Jesus in der Nacht des 24. geboren wurde. In Nordamerika ist der Morgen des 25. Dezember die Zeit für den Austausch von Geschenken. Die Tradition, einen Weihnachtsbaum zu schmücken, begann in den 1600er Jahren, aber sie hat einen viel älteren Ursprung. Die frühen Zivilisationen in Skandinavien feierten nämlich vom 21. Dezember bis in den Januar hinein „Yule“, um die Rückkehr der Sonne zu begrüßen. Väter und Söhne brachten einen großen Baumstamm mit nach Hause, den sie ansteckten, und die Menschen feierten, bis der Baumstamm vollständig verbrannt war. Dies war einer der heidnischen Feiertage, die in das Weihnachtsfest integriert wurden, und damit wurde der „Weihnachtsbaum“ Teil der traditionellen Zeremonie.

Wenn man über die Ursprünge der Weihnachtstraditionen spricht, darf die Legende vom Weihnachtsmann natürlich nicht vergessen werden. Diese geht auf einen Mönch namens Nikolaus zurück, der um das Jahr 280 herum in dem Gebiet, das wir heute als Türkei kennen, geboren wurde. Er wurde zum Heiligen Nikolaus, weil er seinen gesamten ererbten Reichtum dazu nutzte, in ländlichen Gebieten herumzureisen und den Kranken und Armen zu helfen. Der Weihnachtsmann, den wir heute kennen, wurde in einem Gedicht mit dem Titel „Ein Besuch des Heiligen Nikolaus“, das 1822 geschrieben wurde, zum ersten Mal erwähnt. Es beginnt mit der berühmten Zeile „Es war die Nacht vor Weihnachten...“ und stellt den Weihnachtsmann als einen Mann dar, der auf einem von Rentieren gezogenen Schlitten von Haus zu Haus fliegt, um Spielzeug auszuliefern. Die ikonische Version des Weihnachtsmannes – ein fröhlicher Mann in Rot mit weißem Bart – existiert seit 1881, als der amerikanische Karikaturist Thomas Nast das Bild schuf, das wir heute kennen.



Es ist erstaunlich, wie dieser religiöse Feiertag, der geschaffen wurde, um an die Geburt Jesu zu erinnern, auch zu einem weltlichen Fest geworden ist, das in der ganzen Welt geliebt wird. Wenn dieses Jahr, das uns alle sehr gefordert hat, zu Ende geht, brauchen wir diese besonderen Glücksgefühle, die Weihnachten mit sich bringt: Straßen, die mit wunderschönen Lichtern geschmückt sind, Menschen, die lächeln und sich gegenseitig „Feliz Navidad“ wünschen, Kinder, die gespannt darauf warten, welche Geschenke ihnen der Weihnachtsmann wohl bringen wird. Ein Gefühl von Optimismus liegt in der Luft. So wie die alten Feste am 25. Dezember die Wiedergeburt der Sonne begrüßten, können wir dieses Weihnachtsfest dazu nutzen, die Geburt einer neuen Ära des Lichts zu feiern, die die Dunkelheit des vergangenen Jahres vertreiben wird.