Oft
verlässt Vicent Guasch noch in der Dunkelheit sein Haus,
fast verstohlen, damit er seine Familie nicht weckt. Dies
tut er nur, um – sobald die ersten Sonnenstrahlen am
Himmel sichtbar werden – im richtigen Moment am richtigen
Ort sein zu können.
Seine Leidenschaft erfordert viel Eigeninitiative, Geduld,
Präzi-sion und ein großes Maß an Beobachtungsgabe.
Qualitäten, die er ebenfalls während seiner Arbeit
entwickeln konnte. Automechaniker von Beruf – schon
sein Vater übte diesen Beruf aus und vermittelte ihm
die hierfür notwendigen Kenntnisse.
So wurde der 43-jährige Ibicenco zu einem Liebhaber
der schönen und sich ständig verändernden
Landschaften seiner Heimatinsel. Die Fotografie mochte er
schon immer, aber bis zur Geburt seiner Tochter vor etwa
vierzehn Jahren hatte er sich niemals ernsthaft damit beschäftigt.
Vielleicht war es die Vaterschaft, die ihn verstehen ließ,
wie wichtig es ist, besonders authentische Momente als Erinnerung
festzuhalten. Eines schönen Tages entschloss er sich
jedenfalls, seine erste manuelle Kamera zu kaufen. Er entschied
sich für eine Spiegelreflex, denn er „brauchte
einen Apparat, den er würde kontrollieren können”.
Seitdem hat er hunderte von wichtigen Momenten seines Lebens
fotografiert, aber auch häufig die Natur. Ohne sich
wirklich im Klaren darüber zu sein, ganz so, als würde
er einem bereits vorgezeichneten Weg folgen, tauchte er so
immer mehr in die halbdunkle Welt der Landschaftsfotografie
ein, die ihm ein künstlerisches Universum unendlicher
Möglichkeiten eröffnete.
Vicents
fotografische Ausbildung war und ist vor allem autodidaktisch,
obwohl er so oft er kann auch an Spezialkursen teilnimmt.
Er wirkte an diversen Veröffentlichungen über die
Insellandschaft der Pityusen mit und ist ein feuriger Anhänger
der britischen Landschaftsfotografen. Wie zum Beispiel Joe
Cornish, von dem er viel über die Grundlagen dieser
Fotografie lernte, die er praktiziert. „Ibiza ist eine
lebendige Insel”, sagt Vicent. Und tatsächlich
wirken viele seiner Schnappschüsse „lebendig”.
Vor allem, weil es ihm gefällt, mit der Belichtungszeit
zu spielen, um die Details oder Bewegungen eines Moments
festzuhalten, die dem menschlichen Auge meist entgehen. Fakt
ist, dass er in seiner Fotografie kaum Tricks anwendet: Seine
Werkzeuge sind seine Kamera, sein Stativ, Filter und die
Sensibilität seines Blicks, die letztendlich darüber
entscheidet, wie er die Belichtung einstellt. Wobei er immer
der Prämisse folgt, die Landschaft der Pityusen so pur
wie möglich darzustellen.
Im Laufe der Zeit hat Vicent seine Technik perfektioniert,
2009 präsentierte er im „Centro Cultural S’Alamera” seine
erste Ausstellung „Mar i Terra, Paisatge Litoral d’Eivissa”.
Außerdem ist er Gründungsmitglied der „Grup
de Fotografia Nocturna” (GFN), einer Gruppe von Fotografen,
die sich auf Nachtaufnahmen spezialisiert hat. Was ihnen
ermöglicht, Techniken aus einer anderen Perspektive
zu betrachten und damit erstaunliche Resultate zu erzielen,
wie zum Beispiel bei einem Monduntergang. Momentan arbeitet
Vicent an einer Webseite, die ihm dabei helfen soll, seine
Fotos einem breiteren Publikum zu präsentieren – und
sie, warum auch nicht, als exklusive Dekorationsartikel zu
vermarkten. Vicent ist im zweifachen Sinn ein glücklicher
Mensch: Er lebt in einem Naturparadies wie Ibiza und verfügt
gleichzeitig über das Talent, mit den Augen seiner Seele
all diese magische Schönheit für die Nachwelt zu
verewigen.
Text: Jordi Canut Martín